Soul

Mein großer Yoga Irrtum

14. Februar 2019
Der grosse Yoga Irrtum

Tja, was soll ich sagen? Es ist seeeeeehr lange her, dass ich meinen letzten Blogbeitrag geschrieben habe und es ist viel passiert in dieser Zeit. Yoga ist zu einem festen Bestandteil meines Lebens geworden und alles hat sich mindestens so entwickelt wie ich es mir gewünscht habe – wenn nicht sogar noch besser. Dann kam der Tiefschlag. Ich verlor vollkommen meinen Halt – und mein Vertrauen ins Yoga. In dieser Zeit lernte ich, wozu ich Yoga fälschlicherweise gehalten habe und was er wirklich kann. Aber alles der Reihe nach.

Hochmut kommt vor dem Fall

In den Jahren 2016 und 2017 ging es bei mir steil bergauf. Yoga hat einen immer größeren Teil meines Lebens ausgemacht und es schließlich vollkommen durchdrungen. Ich habe weiter geübt, immer mehr unterrichtet, mich fortgebildet. Große Klarheit und Zufriedenheit dehnten sich in mir aus. Das ganze Leben verlief in meinem Sinne. Ich hatte einen Run!

Als ich schließlich im Oktober 2017 von der Vipassana Meditation (10-tägiges Meditationsseminar währenddessen man ein mönchsartiges Leben führt) zurückkehrte, hatte ich das Gefühl, endlich verstanden zu haben. Die Vergänglichkeit der Dinge ist mir so deutlich geworden wie nie zuvor und gleichzeitig konnte ich mich das erste Mal vollkommen dorthinein entspannen. Ich war angekommen. Dachte ich. Bis zur Trennung.

Nichts geht mehr

Mir hat es sprichwörtlich den Boden unter den Füßen weggerissen. Ich habe gerade noch soweit funktioniert, dass ich meinen beruflichen Verpflichtungen nachgegangen bin, ansonsten nichts. Nur Schmerz, Verzweiflung, existenzielle Ängste und tiefe Hoffnungslosigkeit. Dazu die große Enttäuschung, dass mir das ganze Yoga, das ganze Meditieren überhaupt gar nichts gebracht hat. Wo war die Zuversicht, dass die Trennung irgendeinen Sinn für mich hat? Wo das Vertrauen, dass alles wieder gut werden würde? Und wo war das Wissen, vom Leben gehalten und geliebt zu werden? Ich hörte auf zu meditieren, ging nicht mehr zum Yoga. In meinen Unterrichtsstunden hatte ich nichts mehr zu sagen. Was sollte ich meinen Schülern schon erzählen da ich doch selbst den Glauben verloren hatte?  Die Vergänglichkeit aller Dinge – theoretisch ein logisches und weises Konzept, praktisch völlig inakzeptabel.

Chaos

Es dauerte einige verwirrende, chaotische und gleichzeitig befreiende Monate, bis sich meine Perspektive wieder zu verändern begann. Nach der Phase des absoluten Stillstands kam die Phase der Hyperaktivität. Ich habe alles gemacht – möglichst gleichzeitig. Ich nahm einen dritten Job an, schlief so wenig wie möglich, unternahm möglichst viel. Ich fühlte ich mich so lebendig wie seit Jahren nicht mehr, sammelte tausende neue Erfahrungen, lernte völlig neue Seiten an mir kennen!

Natürlich war ich ständig krank. Aber das ignorierte ich und machte einfach weiter. Medikamente würden das schon richten. Ich stellte mein Leben einmal auf den Kopf, zog nach Berlin und gab damit zwei von drei Jobs wieder auf – darunter vorerst auch meine Tätigkeit als Yogalehrerin. Dann kam der Tag, an dem mir klar wurde, dass ich so nicht mehr weiter machen konnte. Und mit dieser Erkenntnis kam die Trauer.

Die Zartheit der Verletzlichkeit

Endlich war ich bereit, mich meinen Gefühlen und vor allem meiner Angst vor den Gefühlen zu stellen. Dabei wurde mir schlagartig klar, dass ich Yoga komplett missverstanden hatte. Yoga ist keine Wohlfühlphilosophie. Es geht nicht darum, Glückseligkeit zu erreichen. Die ganze Zeit habe ich Yoga dazu missbraucht, mich von meinen negativen Emotionen zu trennen (oder sie vielleicht auch nur auf neuen Wegen wegzuschieben), eine bessere Version meiner selbst zu werden und mich weiter – wenn auch mit anderen Methoden – selbst zu optimieren. Solange es mir gut ging, hat das wunderbar funktioniert. Doch mit dem Tiefschlag eben nicht mehr. Ich hatte nur noch negative Emotionen und es war wenig von mir übrig, das ich hätte optimieren können. Erst, als ich mich meinen Ängsten und Gefühlen – allen Gefühlen – endlich stellte, merkte ich: DAS ist Yoga. Kein Weglaufen oder Ablenken mehr, kein Leugnen mehr, kein Verbessern wollen mehr. Nur noch sein. So, wie ich gerade war, so wie ich gerade fühlte. Endlich konnte ich all die Wut und Enttäuschung, den Hass und die Trauer zulassen und schließlich meine Verletzlichkeit und Schwäche annehmen. Ich entdeckte die Weichheit und Zartheit im Schwachsein, entwickelte ein aufrichtiges und tiefes Verständnis für Menschen, die in emotionaler Not sind. Und plötzlich kam der Frieden – ein Frieden, den ich seit fast einem Jahr nicht mehr gespürt hatte.

Sein – in allem, was ist

Heute bin ich vor allem dankbar für alles, was ich in der Krise und durch sie erleben durfte. Ja, ich konnte lange nicht erkennen, dass sie irgendetwas für mich bereithalten würde, doch jetzt sehe ich, dass ich eine wahnsinnige Chance bekommen habe, mein Leben in meinem Sinne zu verändern und unglaublich zu reifen. Ich lernte tiefe Dunkelheit kennen und verstand, dass ein yogisches Leben nicht bedeutet, nur auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen (was viele Spirituelle mir in ihrer scheinbar konstanten Glückseligkeit bisher vermittelt hatten). Beide Seiten, Freude und Leid, gehören untrennbar zusammen. Beide Seiten können uns unendlich viel lehren. Es geht einzig und allein darum, mit beidem sein zu können, sich beides anschauen zu können. Pema Chödrön, eine buddhistische Meditationsmeisterin, beschreibt das in ihrem Buch Wenn alles zusammenbricht ganz wundervoll:

Doch Schmerz und Vergnügen gehören zusammen; sie sind untrennbar. […] Schmerz ist keine Strafe; Freude ist keine Belohnung. […] Wir möchten den Jammer loswerden, statt zu untersuchen, wie er mit der Freude zusammenhängt. Es geht darum, keiner Seite den Vorzug zu geben, sondern angemessen mit dem umzugehen, was wir vorfinden. Inspiration und Jammer ergänzen einander. Wären wir ständig inspiriert, würden wir arrogant. Wären wir uns nur jämmerlich fühlen, verlören wir unsere Vision. Inspiration heitert uns auf und lässt uns erkennen, wie weit und wunderbar unsere Welt ist. Jammer macht uns demütig. Die Größe unserer Inspiration verbindet uns mit den geheiligten Aspekten der Welkt. Wenn das Blatt sich dann wieder wendet und wir uns jämmerlich fühlen, werden wir weicher. Jammer bringt unser Herz zur Reife. Er wird die Grundlage dafür, dass wir andere verstehen. Wir können sowohl die Inspiration als auch den Jammer feiert. Wir können groß und klein zugleich sein. (S. 96)

Dank dieser Erfahrungen bin ich heute ruhiger und gelassener, gleichzeitig fröhlicher und viel lebendiger. Ich lebe endlich in der Stadt, in der ich immer sein wollte und führe ein offeneres, freieres Leben, das viele spannende Begegnungen für mich bereit hält. Heute weiß ich, auch das habe ich dem Yoga zu verdanken. Ich glaube, nur dank meiner jahrelangen Praxis konnte ich so gestärkt aus der Krise hervorgehen. Yoga ist wieder ein fester Bestandteil meines Lebens geworden – nur sanfter, verzeihender, mit dem einzigen Ziel, den jetzigen Augenblick in seiner ganzen Wahrheit zu spüren.

Vielleicht hast du bereits ähnliche Erfahrungen gemacht oder dieser Artikel gibt dir den nötigen Mut, verletzlich und weich durch deine jetzige Krise hindurch zu gehen und hinzusehen statt dich möglichst weit wegzuwünschen. Jeder Tiefschlag bietet uns die Chance auf Veränderung und Wachstum. Ich freue mich sehr, wenn du deine Gedanken dazu über die Kommentarfunktion oder auch über den Kontakt teilst. Alles Liebe!

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