Around the World Body

Yoga im Land der unfreien Frauen

16. September 2015

Diese Woche hat es mich nach Saudi-Arabien verschlagen. Da man als Frau hier nur beschränkte Bewegungs- und vor allem Handlungsfreiheit genießt, hatte ich mir vorgenommen, hauptsächlich im Hotelzimmer zu bleiben und viel Yoga zu machen. Meine Kolleginnen haben jedoch ein Sportstudio und Spa für Frauen ausgemacht, das auch Yogastunden anbietet. Das hat mich natürlich neugierig gemacht und ich bin mitgegangen.

Fitness für Frauen – ein Fremdwort in Saudi Arabien

Guter Stimmung machten wir uns auf den Weg. Wir freuten uns auf einen Ort, an dem man sich auch als Frau regulär verhalten und bewegen kann. Nachdem man sich in diesem Land eher eingesperrt fühlt, was bereits beim vorgeschriebenen Tragen der Abaya anfängt, stellte ich mir das Studio wie eine Frauen-Oase in dieser Männer-Wüste vor. Ich war gespannt auf einen anderen, persönlicheren Blick auf die saudi-arabischen Frauen.

Doch zuerst hatten wir noch die Taxifahrt vor uns. Schnell wurde klar, dass sportliche Betätigungen für Frauen hier nicht üblich sind. Der Taxifahrer wusste nicht, wo wir hin wollten und auch die Männer auf der Straße, die der Taxifahrer nach dem Weg fragte, kannten kein Spa für Frauen, obwohl wir uns schon in seiner unmittelbaren Nachbarschaft befanden. Aus der 20-minütigen Fahrt wurde eine beschwerliche Stunde.

Verwirrung im Studio

Als wir endlich verschwitzt und mit mittlerweile gedämpfter Stimmung in unserer vermeintlichen Oase ankamen, mussten wir weitere Enttäuschungen einstecken. Die Einrichtung war optisch zwar ganz nett, aber es gab insgesamt kein durchdachtes Konzept. So gab es keine richtige Umkleide – und das in einem Land, wo der Körper der Frau doch so streng hinter Verschluss gehalten wird, das Geräteangebot war winzig und der Kursraum war eine kalte Turnhalle. Alles war sehr verwinkelt und nichts ausgeschrieben, so dass sich das Zurechtfinden vor Ort als sehr mühsam gestaltete. Die Angestellten haben sich zwar bemüht aber auch sie schienen keinen richtigen Überblick zu haben. Dafür, dass die Tageskarte umgerechnet 25 Euro kostet, war der Standard wirklich sehr niedrig.

Die Yogastunde

Endlich begann die Yogastunde. Ich hatte mich wirklich auf diese kleine Auszeit gefreut nach all dem chaotischen Drumherum und dem allgemeinen Unwohl-Gefühl, das mich seit meiner Ankunft in Saudi-Arabien begleitete. Die Lehrerin, eine hyperflexible Osteuropäerin, hielt eine fortgeschrittene Dehn- und Gymnastikstunde mit uns ab. Mit Yoga hatte das leider nichts zu tun.

Frauen jenseits ihres Körpers

Doch plötzlich machte alles einen Sinn. Als ich die Teilnehmerinnen beobachtete, wurde mir klar, dass die Frauen hier offensichtlich keinen Zugang zu Bewegung haben. Geschätzte 70% der Frauen waren übergewichtig und alle hatten Probleme, ihren Körper zu bewegen und zu koordinieren. Es wirkte so, als würden sie ihren Körper zum ersten Mal wahrnehmen! Bei den Fitnessgeräten bestätigte sich dieser Eindruck. Ein paar der Frauen, teilweise noch sehr jung aber schon stark übergewichtig, wussten nicht, wie die Geräte funktionierten und nutzen sie völlig falsch. Das konnte man natürlich witzig finden, doch mir taten die Frauen urplötzlich sehr leid.

In diesem Sportstudio, das der Männerwelt völlig unbekannt ist, wurde mir bewusst, wie sehr die saudi-arabische Kultur die Frauen tatsächlich einschränkt. Auf der Straße sieht man das nicht, da sowieso alles Weibliche unter der Abaya und dem Schleier verschwindet. Aber in diesem Studio, in das die Frauen bewusst gehen, um etwas für sich und ihren Körper zu tun, wird das drastische Ausmaß der Einengung deutlich spürbar. Die Frauen werden nicht nur in ihrer Weiblichkeit beschnitten und aus einem Teil des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossenen, sondern ihnen wird auch die Entwicklung eines Körperbewusstseins beinahe unmöglich gemacht. Somit fehlt Ihnen ein wichtiges Element zur Entwicklung eines Ich-Bewusstseins und Selbstverständnisses.

Ich wünsche den Frauen in Saudi-Arabien, dass Yoga, und damit das Gedankengut von körperlicher und geistiger Freiheit, den Weg zu Ihnen findet! Ich halte mich jetzt doch an meine Matte im Zimmer und freue mich ehrlich gesagt schon auf den Heimflug.

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1 Kommentar

  • Antworten Susa 16. Januar 2016 at 14:10

    <3

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