Body Soul

Gurutum im Yoga – Fluch oder Segen?

7. August 2015

In der Yogawelt wimmelt es von Gurus – von den Schülern gewählten oder auch selbsternannten. In den Augen Vieler ist das Gurutum allerdings mit vielen Vorurteilen behaftet, was wiederum dem Yoga schadet. Ich möchte in diesem Beitrag einmal erklären, was ein Guru eigentlich ist und dazu Stellung beziehen.

Was ist ein Guru?

Im Hinduismus ist ein Guru ganz allgemein gesprochen ein spiritueller Lehrer. Das war früher häufig einfach der Familienvater, der die spirituelle Erziehung seiner Kinder übernommen hat. Mit der Zeit hat sich aber das Verständnis von Guru verändert. Der Guru wird nicht mehr als der menschliche Lehrer gesehen, der er ist, sondern mit Gott gleichgesetzt. Damit wird er unfehlbar und kann nicht mehr kritisiert werden, was nicht nur in Indien zu Missbrauch führt. Im Internet tauchen immer wieder Fälle mit Vorwürfen zu körperlichen Übergriffen auf. Das sind natürlich Extremfälle und betrifft nur einen kleinen Teil der riesigen Yogagemeinschaft, aber das Problem des (göttlichen) Gurus beginnt meiner Meinung auch schon viel früher – nämlich da, wo der Yogalehrer seine Position als Wegweiser ausnutzt. Denn viele Menschen beginnen Yoga, weil sie auf der Suche nach etwas sind. Sie suchen mehr Zufriedenheit, einen Sinn, vielleicht auch Halt. Häufig sind Menschen auf der Suche in einer schwierigen Phase, verunsichert und damit leicht zu beeinflussen.

Was bedeutet das für Yogalehrer?

Yogalehrer müssen sich ihrer Position und ihrer Verantwortung bewusst sein! Natürlich ist es schmeichelhaft, dass sich so viele Menschen hilfesuchend an sie wenden und das wiederum gefällt dem Ego. Doch das sollte nicht der Grund dafür sein, Yogalehrer zu sein – um Anerkennung zu finden, die man vielleicht sonst nicht bekommt. Und auf keinen Fall darf man sich über seine Schüler stellen und glauben, man wäre fehlerfrei und der einzige im Raum, der die Antworten auf alle Fragen kennt. Man weist niemandem den Weg, indem man eine patriarchalische Haltung einnimmt und anderen die eigene Weltansicht aufzwingt. Yoga soll uns doch befreien von unseren Fesseln und uns nicht neue auferlegen. Darum, liebe Yogalehrer, hinterfragt eure eigenen Motive und lasst euren Schülern ihre Freiheit! Stellt Fragen! Die Antworten trägt jeder von uns bereits in sich.

Der Guru in mir

R. Sriram beschreibt den Guru in seiner Übersetzung von Patanjalis Yogasutren als:

„Meister/ der, der uns von Unklarheit entschleiert/ der, der uns die Dunkelheit nimmt“ (Wortherleitung zu Sutra 1.26).

Gleichzeitig wird der Guru in dieser Sutra durch Isvara, dem vollendeten Selbst, ersetzt. Patanjali, dessen Yogasutren zu den prägenden Bestandteilen des heutigen Verständnis von Yoga gehören, sagt also, alles liegt in mir! Sowohl die verschleierten Antworten auf meine Fragen als auch die Fähigkeit, diese Schleier zu lüften.

Was bedeutet das für uns, die Yogaschüler?

Wir müssen mehr Vertrauen in uns selbst entwickeln. Häufig kennen wir die Antwort bereits, spüren sie tief in uns drin, aber vertrauen dieser inneren Stimme nicht. Stattdessen suchen wir Rat bei anderen, eben auch bei unseren Yogalehrern. Es ist nicht verkehrt, sich Hilfe zu holen, nur sollten wir nicht blind verfolgen, was die andere Person sagt, nur weil sie unser Lehrer ist. Lehrer können und sollten Vorbilder sein, aber sie sind nicht unfehlbar. Es kann auch sein, dass sie uns in bestimmten Bereichen Vorbilder sind, aber eben nicht in allen. Das müssen wir differenzieren. Auch hier hilft uns unsere innere Stimme, unser Gefühl – wenn wir darauf hören.

Die Antworten und Lösungen liegen in uns. Damit haben auch wir eine Veantwortung, nämlich die Eigenverwntwortung, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen. Das kann niemand für uns machen, kein Familienoberhaupt, kein religiöser Führer, kein Yogalehrer.

Guru ade?

Ich kann verstehen, warum eine so große Skepsis gegenüber Gurus besteht. Sie ist meiner Meinung nach auch begründet, solange Gurus als übergeordnet und schlimmstenfalls noch gottgleich betrachtet werden. Das funktioniert nirgendwo – nicht in der Politik, nicht in der Religion und auch nicht im Yoga. Doch versteht man Guru wie Patanjali als die Kraft in einem Selbst, die einen von der Dunkelheit ins Licht führt –

im Sanskrit bedeutet Gu Dunkelheit und Ru Licht

– ist das ein sehr schönes Konzept, das uns mündig und selbstbestimmt macht. Darum verabschiede dich von den Gurus dieser Welt und finde den Guru in dir!

Das könnte dir auch gefallen

2 Kommentare

  • Antworten Susa 7. August 2015 at 21:40

    Yamina, du sprichst mir aus der Seele.
    Mit ist schmerzlich bewusst geworden, wie manipulierbar ich (gewesen) bin. Und wie ich nun den Impuls habe, mich regelrecht schützen zu müssen. Durch Abstand. Denn ein Lehrer, in dessen Gegenwart ich mich von mir entferne, nicht bei mir bleiben kann, tut mir nicht gut.
    Diese Erkenntnis habe ich sechs Jahre zu spät und ich frage mich, warum ich mir oft Lehrer aussuchte, die mir nicht gut taten.
    Nun breche ich meine Yogalehrerausbildung ab, weil mir meine dysfunktionale Beziehung zu meinen Lehrern die Freude am Yoga und den Kontakt zu mir selbst zerstört hat.
    Ich habe mir vorgenommen, nur noch zu Lehrern zu gehen, die mir guttun. Denn nur so kann die Matte ein sicherer Ort der Selbstbegegnung für mich sein.
    Yamina, es ist so großartig, dass du bei der Wahl der Ausbildung von Anfang an auf dein Herz gehört hast. Ich konnte es leider nicht, weil ich viel zu sehr in Projektionen und Verstrickungen gefangen war. Dafür tut es jetzt umso mehr weh.
    <3

    • Antworten Yamina 7. August 2015 at 23:27

      Liebe Susa!
      Danke, dass du deine persönlichen Erfahrungen hier teilst! Es tut mir leid, dass sie so schmerzlich für dich gewesen sind. Hoffentlich helfen dir deine Erkenntnisse, mehr zu dir zurück zu finden und wieder Freude am Yoga zu bekommen. Ich drücke dir die Daumen und wünsche dir alles Gute!

    Hinterlasse deinen Kommentar

    eins × vier =